Zur Geschichte der Ravensburger Zehntscheuer

Was war der »Zehnt«?
Das alte Wort »Zehnt« lebt heute nur noch in den »Zehntscheuern« fort, von denen sich eine kleine Zahl in Stadt und Land erhalten hat. In ihnen wurde früher der »Zehnt« aufbewahrt, der von den Bauern jährlich an ihre Herren abgeliefert werden mußte. Der Zehnt war eine Naturalabgabe, in erster Linie Getreide (»Zehntgarben«) er konnte gelegentlich aber auch aus Gartenfrüchten (Gemüse, Obst, Kraut), Heu oder sogar Vieh (Blut zehnt) bestehen.

 

Geschichte
In Ravensburg waren vor allem die Kirchen, Klöster und Spitäler Empfänger des Zehnten. Die Zehnteinnahmen waren ihnen im Lauf der Jahrhunderte meist von wohlhabenden Bürgern gestiftet worden, die zum Heil ihrer Seele eine gute Tat voll bringen wollten.

Es gab vier große soziale Anstalten in der Stadt, die dank solcher Zuwendungen ihre karitativen Aufgaben erfüllen konnten: das Heiliggeist-Spital (heutiges Städt. Krankenhaus), das Spital zum Heiligkreuz (in der Gartenstraße), das Seelhaus (Spital für Pilger und wandernde Handwerksburschen) und das Bruderhaus (Heim für alte Männer). Jede dieser Institutionen besaß eine oder mehrere Zehntscheuern, teils draußen auf dem Lande, teils in der Stadt. Dort wurde der Zehnt gelagert, der sowohl zur Versorgung der Insassen der Kranken und Plegeanstalten diente als auch teilweise auf dem Markt verkauft wurde. In Notzeiten wurde aus dem Zehntgetreide auch Brot für die Armen und Hungernden gebacken.

Früher befanden sich am Rand der Altstadt (Unterstadt) mehrere Zehntscheuern. Sie alle sind im 19. Jahrhundert abgebrochen worden mit Ausnahme der Zehntscheuer beim Bruderhaus. Im Jahr 17l9 bestand dieses wohl 1378 entstandene Gebäude, das in den Quellen meist als "Bruderhausstadel" bezeichnet wird, aus einem Wohnteil auf der Ostseite und einem großen Scheunenteil westlich davon. Damals wohnte der Fuhrmann Johannes Bischoffberger mit seiner Familie in dem Gebäude.

Auch im 19. Jahrhundert war die Zehntscheuer noch eine zeitlang bewohnt. Später diente sie nur noch als Lagerraum, im Ersten Weltkrieg befand sich hier die städtische Kohlenausgabestelle. Schon 1934 wurde erwogen, sowohl die Zehntscheuer als auch die beiden kleinen Häuser zwischen Zehntscheuer und Bruderhaus abzubrechen, da sie baufällig geworden waren. Jahrzehntelang blieben diese Abbruchpläne aktuell, wobei man anstelle der alten Gebäude zunächst ein neues Altersheim, in den sechziger Jahren dann Parkplätze schaffen wollte. Erst 1974 beschloß der Gemeinderat der Stadt Ravensburg, die Zehntscheuer wegen ihrer baugeschichtlichen und städtebaulichen Bedeutung doch nicht abzureißen. Im gleichen Jahr wurde das Gebäude unter Denkmalschutz gestellt.

1981 entstand schließlich aufgrund einer Initiative aus der Mitte des Gemeinderats und einer Gruppe engagierter Bürger die endgültige Konzeption für die Renovierung und künftige Nutzung dieses in der Ravensburger Altstadt einzigartigen Kulturdenkmals. Nachdem der Gemeinderat im Frühjahr 1982 einen Zuschuß in Höhe von DM 700.000, bewilligt hatte, konstituierte sich der "Förderkreis Zehntscheuer Ravensburg e.V.«, der die Konzeption für eine Spiel- und Kleinkunstbühne nicht nur planerisch ausarbeitete, sondern durch Eigenleistungen dazu beitrug, daß die Planung rasch und kostengünstig verwirklicht werden konnte.

 

Die Zehntscheuer um 1920

Die Nordansicht

Dies war nur möglich, weil sich hier Architekten, Bauunternehmer, Handwerker, Lehrer und andere Fachleute zu einer hervorragenden Teamarbeit zusammengefunden hatten.

Es gelang dieser Bürgerinitiative rasch, von vielen weiteren Bürgern und Firmen Sachleistungen und Geldspenden für das Projekt Zehntscheuer zu erhalten, wobei drei »Zehntscheuer-Feste« 1982 und 1983 gute Dienste leisteten.

Nicht vergessen werden darf die unbürokratische Zusammenarbeit mit der Stadt Ravensburg, die als Hauseigentümer auch den größten Teil der Finanzierung zu übernehmen hatte. So wurde die Erneuerung der Zehntscheuer in nur einem Jahr bewältigt.

Zehntscheuer als Scheunenbühne
Immer wieder wird der Fehler begangen, daß in alte Häuser neue Nutzungen hineingezwängt werden, die mit der vorhandenen Gebäudestruktur nicht vereinbar sind. Das Interesse und der Bedarf an einer Kleinkunsthühne in Ravensburg war ein ganz besonders glücklicher Umstand. Andere Nutzungen hätten einen Abbruch bedingt oder wenigstens so massive Eingriffe, daß die Scheuer als solche nicht hätte erhalten werden können. Bei der Aufteilung wurden in die Südseite zusätzliche Scheunentore eingefügt. Vom alemannischen Fachwerk wurden deshalb alle störenden Verstrebungen entfernt. Ührigblieben allein die Ständer. Der Westgiebel, an den zwei kleinere Gebäude angrenzen, und die Nordseite sind, wenn auch mit erheblichen Bauschäden, ungestört im Originalzustand erhalten geblieben. Am Ostgiebel sind Gebälk und Faschinenwand erneuert worden. Vertreter der Behörden hatten 1977 die Scheuer als baufällig und nicht mehr instandsetzungsfähig beurteilt.
  

Konstruktive, statische Besonderheiten
Nachdem die ursprüngliche Funktion der Scheuer zur Lagerung des Zehntgutes nicht mehr notwendig war, wurde sie den Bewohnern der Unterstadt zum Gebrauch überlassen. Die Lagerräume wurden zeitweilig sogar zu Wohnzwecken genutzt. Aus dem großräumigen alemannischen Fachwerkbau sägte man unbekümmert Gebälk heraus und zog Zwischenwände ein, die aus Bretterverschlägen oder Fachwerkwänden bestanden. Da tatsächlich große Teile des Gebälks nicht mehr tragfähig waren, mußte für den Erhalt der Scheuer eine neue Konzeption der tragenden Elemente gefunden werden. Die gesamten Lasten werden nun durch Sprengwerke und neue Unterzüge im Dachstuhl auf eine Holzleimbinderkonstruktion und den massiven Bühnentrakt abgeleitet. Statisch gesehen tragen die Außenwände nur noch sich selbst.

 

Der Ausbau
Die alemannischen Fachwerke waren mit Faschinenwänden ausgefacht. Alle Ziegelausmauerungen sind später vorgenommen worden. Zwei noch erhaltene Faschinenfelder zeigen im Saal die ursprüngliche Bauweise. Die Scheuer hatte zur Entstehungszeit nur Fensterluken mit Holzläden. Alle Luken und die später eingebauten Scheunentore sind durch Sprossenfenster ergänzt. Die Scheuer war zumindest im Dachgeschoß von Anbeginn an in zwei Abschnitte aufgeteilt. Dies ist auch heute wieder der Fall. In einem Teil befindet sich der Saal für annähernd 200 Personen. Er kann durch das Öffnen der Scheunentore einerseits zur Stadtmauer hin um einen geschlossenen Hof und andererseits auf den Vorplatz zur Straße hin erweitert werden. Im anderen Teil der Scheuer sind der Eingangsbereich, die Küche, die Bühne, unter der Bühne die WC-Anlage und darüber die Künstlergarderoben mit einem Besprechungsraum untergebracht. Die Möglichkeit einer Bewirtschaftung schafft eine vielseitige Nutzung des Saales. Der Dachraum über dem Saal bleibt aus statischen Gründen ungenützt. Das hat den Vorteil, daß das ganze Gehäude nach außen hin unverändert bleibt.

Das Krüppelwalmdach, unter
dem First das Rauchloch

 

Kaminkopf fürs 2-zügige Kamin

 

Blocktreppe, älteste Ausführung einer Holztreppe

 

Schiebeladen aus Holz

 

Bilder und Text sind gekürzt der Broschüre des Förderkreises Zehntscheuer e.V. entnommen.